Nur zehn Prozent melden das Erlebte bei der Polizei
2026-02-08 - 10:38
Topic und Study-Setup In der Schweiz läuft seit 2018 die Istanbul-Konvention, in Liechtenstein seit 2021 – laut GREVIO-Report 2022 aber mit massivem Gap bei Daten zu Frauen mit Behinderung und intersektionaler Gewalt. Anna Meier, Gebärdensprachdolmetscherin, legte deshalb eine Gewaltprävalenzstudie zu gehörlosen FINTA-Personen in der Deutschschweiz auf. Fokus: Belästigung, Nötigung und Vergewaltigung, inklusive Dunkelfeld, also Cases ohne Polizeimeldung. Hard Facts und Zahlen Die Analyse zeigt: gehörlose FINTA-Personen sind bei schweren Formen sexualisierter Gewalt «zwei bis mehr als dreifach so oft betroffen» wie der weibliche Bevölkerungsdurchschnitt. «Über die Hälfte (54 Prozent) hat mindestens einmal in ihrem Leben sexualisierte Nötigung und/oder Vergewaltigung erlebt», nur 10 Prozent gehen zur Polizei. Rund 70 Prozent schweigen «aus Scham», ebenso viele wegen Tabuisierung. Meier betont: «Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles Problem. Wir haben eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung uns dagegen zu positionieren und Gewalt zu bekämpfen.» Barrieren und Support-System Gehörlose sind Sprachminderheit, stark community-based – soziale Isolation nach Gewalt ist High-Risk. Schriftliche Infos sind für viele «immer noch eine Fremdsprache». Jutta Gstrein fordert «barrierefreie Informationen in Gebärdensprache, Ausbildung für Fachkräfte, mehr Sensibilisierung in der Gesellschaft, spezialisierte Beratungsstellen und eine Verankerung dessen in konkreten Gesetzen». Missverständnisse und Tabu Gstrein nennt als Key-Missverständnis, «dass gehörlose Menschen nicht in der Lage sind, ihre Erfahrungen zu kommunizieren oder sich zu verteidigen» und dass viele Hörende glauben, Gebärdensprache sei keine vollwertige Sprache. Das führe dazu, «dass ihre Schilderungen vereinfacht, übertrieben oder gelogen sind. Das muss sich dringend ändern.» In der Community sei sexualisierte Gewalt weiter stark tabuisiert; nötig seien Aufklärung, Prävention und Sexualbildung in Gebärdensprache. Termin und Ausblick Meier präsentiert ihre Ergebnisse am 25. Februar 2026 um 19 Uhr im Haus der Familie in Schaan, auf Deutschschweizer Gebärdensprache mit Dolmetschung – fully barrierefrei für gehörlose und hörende Personen. Zum Originalartikel